Pfarrei St. Servatius, Güls mit

St. Martin, Winningen

 

Eine Geschichte der Pfarrei Güls zu schreiben, ist ein gar nicht leichtes Unterfangen, weil die Quellenlage nicht gerade dazu einlädt. Mit einiger Phantasie und mit Analogschlüssen läßt sich dennoch auch mit den spärlichen Quellen einiges Licht in den historischen Ablauf bringen.


Ob es schon in spätrömischer Zeit an der unteren Mosel Christen bzw. Christengemeinden gegeben hat, ist, wenn auch kaum belegt, dennoch mit einiger Sicherheit anzunehmen; und das dürfte auch für Güls, das seinen Ursprung auf vorrömische Zeit zurückführt, zutreffen. Das Gebiet links des Rheins war seit der Eroberung durch Cäsar in den Jahren 58-51 v.Chr. ein Teil der römischen Provinz Gallia, die wohl seit dem 4. Jahrhundert bereits eine kirchliche Organisation aufwies. Seit Konstantin dem Großen (305-337) und dem von ihm erlassenen Toleranzedikt von Mailand (313), das das Christentum den anderen Religionen gleichstellte, tatsächlich es sogar förderte, breitete sich die christliche Religion schnell aus. Und da Güls mit Sicherheit auf Grund seiner günstigen Lage auch in römischer Zeit Siedlungsplatz war (nachgewiesen auch durch einen Fund der Koblenzer Jesuiten im ehemaligen Hofe der Maastrichter Stiftsherren aus dem Jahre 1613), dürfen wir mit Sicherheit hier auch eine frühe Christengemeinde annehmen.

 

775 erste (Hof)Kapelle, die wahrscheinlich auch Gemeindekirche war
Wie alt allerdings die Pfarrei Güls ist, läßt sich kaum feststellen. Daß schon bald nach der Annahme des Christentums durch den Frankenkönig Chlodowech (Chlodwig) um 500 in Güls eine Kapelle bestanden haben soll, ist eine unbewiesene Annahme, zumal der Übertritt Chlodwigs zum katholischen Christentum keineswegs auch eine allgemeine Christianisierung des Volkes der Franken zur Folge hatte. Auf grund der Siedlungskontinuität von der Römerzeit her ist die Existenz einer solchen Kapelle zu dieser Zeit aber keineswegs auszuschließen. Mit Sicherheit aber kann zur Zeit der Karolinger, genauer zur Zeit Karls d. Gr. (768-814), eine Kapelle angenommen werden, da zum einen bereits seit Bonifatius (Märtyrerlod 754) die Kirche des Frankenreiches straff im Sinne Roms organisiert war, zum anderen nach einem Bericht aus dem Jahre 775 (1975 feierte Güls sein 1200jähriges Bestehen) hier ein fränkischer Königshof bestand und solche Königshöfe nachweislich auch meist Orte der ersten christlichen Kirchen waren.


Urkundlich erwähnt wird die Kirche in Güls in einer Zusammenstellung der Güter des Klosters Hersfeld aus dem Jahre 1000, dem sogenannten „Breviarium Sancti Lulli“. Hier sind die Besitzungen, die Karl d. Gr. dem von dem Mainzer Erzbischof Lullus 775 zur Reichsabtei erhobenen Kloster Hersfeld machte, aufgeführt, und zwar erscheinen die Schenkungen in „Golse et Capella“ bei den für das Jahr 775 aufgeführten Schenkungen neben Dotationen in Andernach, Rübenach und Ingelheim. Somit muß also bereits 775 hier eine Kapelle vorhanden gewesen sein. Da es sich in Güls um einen Königshof handelte (Schenkung Karls d. Gr. an Hersfeld), muß es sich bei der Kapelle auch um eine königliche Eigenkirche gehandelt haben, also eine Hofkapelle. Trotzdem kann nicht ausgeschlossen werden, daß diese Kapelle von Anfang an auch als Gemeindekirche gedient hat.

 

Ob Güls allerdings auch schon als Pfarrei um diese Zeit bestanden hat, ist nicht nachzuweisen. Anzunehmen ist es, da in keiner der zugänglichen Urkunden Güls als zu einer anderen Pfarrei zugehörig aufgeführt wird. Es ist auch keine Zugehörigkeit zu Koblenz bezeugt bzw. die Unterstellung unter eines der Koblenzer Stifte, etwa des Kastorstiftes als Hauptpfarrei von Koblenz. So wird wohl die königliche Hof kapelle, seit 775 Hersfeld inkorporiert, als selbständige Pfarrkirche gedient haben mit dem Recht der Hersfelder Mönche, den Pleban (abhängigen Pfarrer) einzusetzen. Im Jahre 928 wird der Ort Güls durch Herzog Giselbert von Lothringen, zu dessen Stammesherzogtum er gehört, dem Erzbischof Ruotger von Trier geschenkt, und dieser wird im Zusammenhang des Ausbaues der erzbischöflichen Herrschaft im Mündungsbereich der Mosel wohl auch ein Augenmerk auf die kirchlichen Verhältnisse gehabt haben. Auf die relative Selbständigkeit einer Gülser Pfarrei weist nach G. Reitz auch der Umstand hin, daß in der erwähnten Zusammenstellung der Güter des Klosters Hersfeld die Kapellen neben den Höfen und Mansen gesondert aufgeführt werden.

 

1126 erste urkundliche Erwähnung der Pfarrei Güls

Wenn eine teilweise Eigenständigkeit der Kapellen gegeben gewesen sein sollte, dann aber mußten diese Kirchen und ihre Seelsorger auch unterhalten werden, d.h. die Kirchen mußten, entsprechend der damals noch rein agrarisch bestimmten Wirtschaft, eigenes Grundvermögen besitzen bzw. entsprechend dotiert werden. Letzteres geschah durchweg in der Form von Naturalabgaben, hier des Zehnten, die den Kirchen zugewiesen wurden. Genaueres darüber erfahren wir erst aus dem Übergabeakt der Pfarrei Güls durch Hersfeld an das Stift in Maastricht aus dem Jahre 1126. Dieser Übergabeakt ist das erste wichtige Ereignis der Pfarrei und ihre erste urkundliche Erwähnung. Für die Maastrichter wie vorher für die Hersfelder dürfte eine direkte Verwaltung der Pfarrei wegen der sehr weiten Entfernung (vier Tagereisen von Güls nach Hersfeld) mit einigen Schwierigkeiten verbunden gewesen sein, und es dürfte ebenfalls nicht leicht gefallen sein, die Abgabe des der Kirche zustehenden Zehnten zu kontrollieren. So waren die Hersfelder genötigt, einen ihrer Mönche oder einen Weltgeistlichen in Güls zu stationieren, um eine wirksame Kontrolle durchführen zu können. Aus diesen Gründen verschmerzten die Hersfelder den Übergang der Gülser Pfarrei an Maastricht sicherlich leichten Herzens, zumal er ihnen durch die Entschädigung mit dem Hersfeld näher gelegenen Gut Monesheim in Thüringen durch König Lothar von Supplinburg (1125-1137) versüßt wurde.

Die Übergabe an Maastricht geschah in der Form eines Ringtausches (symbolhafte Handlung, für das Mittelalter sehr bedeutsam).

 

Tatsächlich kann man auch nach dieser Übergabe an Maastricht kaum von einer geordneten, direkten Verwaltung durch die Stiftsherren sprechen. Maastricht lag von Güls kaum weniger weit entfernt als Hersfeld. Aus einer Urkunde aus dem Jahre 1173 geht hervor, daß nunmehr das Stift einen aus seinen Reihen zum „Verwalter“ von Güls ernannte. Anzunehmen ist, daß dieser als Stiftsherr in Maastricht blieb, weil er das Leben dort nicht mit dem viel beschwerlicheren und unangenehmeren in Güls tauschen wollte, und ein anderer, weniger bedeutender Geistlicher mit der Verwaltung und der Seelsorge in Güls beauftragt wurde. Dafür erhielt dieser einen bestimmten Anteil des Teils des Zehnten, der dem Stiftsherren in Maastricht als Besoldung zustand. Eine wirksame Kontrolle durch das Stift aber kam kaum zustande, und so dürften auch die seelsorglichen Pflichten, zumal in einer religiös so verworrenen Zeit wie dem Spätmittelalter (Verweltlichung der Kleriker bis in die höchsten hierarchischen Ämter, Häretikerbewegungen, Schisma und Avignoneser Papsttum etc.), mitunter sehr im argen gelegen haben. Für das Hochmittelalter sind in Güls lediglich zwei Pastoren um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert nachgewiesen: Dechant Giselbert (1196) und Dechant Gerhard von Münstermaifeld (1218), von denen aber auch kaum anzunehmen ist, daß sie ihre Pfarrei von Güls aus verwalteten.


Die Übertragung der Pfarrei an das Stift in Maastricht ist der eine Akt, die Inkorporation durch das Stift der andere, zeitlich erst viele Jahre später erfolgende Vorgang. Erst 1332 sprach Erzbischof Balduin von Trier (Erbauer der Koblenzer Balduinbrücke, Bruder Kaiser Heinrichs VII. und Onkel Kaiser Karls IV. und mächtigster Reichsfürst seiner Zeit) im Einverständnis mit dem Domkapitel und dem Archidiakon von Karden, bei dem das Recht der Einführung der Gülser Pfarrer in ihre Pfarrstelle lag, die Einverleibung der Pfarrei Güls in das Stift Maastricht aus. Im Jahre 1344 traf erst die Bestätigung durch Papst Klemens Vl. ein. Die Stiftsherren von Maastricht haben die Inkorporation bereits 1333 bestätigt, also das päpstliche Einverständnis gar nicht erst einmal abgewartet, erklärlich vielleicht durch die Schwäche der päpstlichen Stellung während des sog. Avignoneser Papsttums.

 

Ab 1332 ständig im Ort weilender Geistlicher: Vizepastor oder Vikar

Mit der Inkorporation war auch eine eindeutige Rechtslage hergestellt: Das Stift Maastricht als Gemeinschaft aller Stiftsherren ist Inhaber der Pfarrei Güls und damit auch berechtigt, deren Einkünfte einzuziehen und darüber zu verfügen. Bestätigt wurde die Einverleibung noch einmal durch Papst Alexander Vl. (1496) und Erzbischof Richard von Greiffenklau (1520). In der Einverleibungsurkunde von 1332 heißt es, daß Güls nun einen ständigen, im Ort residierenden Weltgeistlichen haben sollte mit dem Titel "Vizepastor" oder „Vikar“. Er durfte ohne Genehmigung des Erzbischofs nicht versetzt werden.


Daß damit in Güls für eine wesentlich effektivere und funktionalere Seelsorge Sorge getragen worden war, ist also Erzbischof Balduin zuzuschreiben, dessen besonderes Wohlwollen dem Niederstift galt. Sehr bald aber merkte man, daß die starke Hand Balduins fehlte. Dem Renaissancepapsttum genauso wie dem Großteil der geistlichen Fürsten dieser Zeit lag das Seelenheil der Gläubigen weniger am Herzen als ihre eigene Machtstellung. So gelingt es bald nach den Bestätigungen der Inkorporation von 1496 und 1520 den Stiftsherren aus Maastricht, das Recht der Abberufung des Gülser „Vizepastors“ nach eigenem Gutdünken durchzusetzen. Die Zustimmung des Erzbischofs war fürderhin nicht mehr notwendig, wohl aber die Auflage, daß in Güls auch weiterhin immer ein Weltgeistlicher die Pfarrstelle innehaben sollte.

 

Bis ins 17. Jh. ändert sich das Recht der Stellenbesetzung noch einige Male. Ende des 16. Jh. kaufen die Koblenzer Jesuiten sämtliche Gülser Güter den Maastrichter Stiftsherren ab und erhalten damit auch das Recht der Stellenbesetzung. 1630, nachdem die Maastrichter nach einem langen Rechtsprozeß die Güter wieder zurückerhalten, wechselt natürlich auch das Recht der Pfarrstellenbesetzung wieder und bleibt in den Händen der Maastrichter Stiftsherren bis zur Auflösung des Stiftes um 1800 infolge der Französischen Revolution.

 

Finanzierung der Pfarrstellen

Die Zeit vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution, genauer bis zur Säkularisation 1803/04, ist gesellschafts- und wirtschaftspolitisch auch bekannt unter der Bezeichnung „Feudalzeitalter“. Entsprechend den damaligen grundbesitzlichen Wirtschaftsverhältnissen gestaltete sich die Finanzierung der Pfarrstellen, so auch in Güls. Pfarrer wurden besoldet aus den Einnahmen von Grund und Boden, wenn die Pfarrei solchen aufwies, und zwar erhielten sie zumeist Naturalgüter, wie Wein, Brennholz, Korn etc., die sie durch Verkauf auch zu Geld machen konnten. Daneben gab es in geringem Maße auch finanzielle Zuweisungen. Auch die Stiftsherren zu Maastricht hatten für den Unterhalt ihrer Gülser Pfarrei zu sorgen. Sie waren anläßlich der Inkorporation der Pfarrei verpflichtet worden, für den standesgemäßen Unterhalt des Pfarrers Sorge zu tragen. So gaben die Stiftsherren um 1740 „dem Pastor aus dem (ihnen zustehenden) Zehnten in Güls jährlich 7 Ohm weißen Wein“ aus je zwei bestimmten Weingärten, denn „der Pastor braucht keinen zusammengetragenen Zinswein anzunehmen“. Das pfarreigene Wachstum an Wein dürfen (seit 1684 bezeugt) die Pfarrer glas- und maßweise verzapfen; aber nur vor dem Hause, nicht drinnen anreichen und niemals im Hause verzehren lassen. So konnte der Pastor seine Finanzen etwas aufbessern.


Durch die Französische Revolution und ihre Folgen für Europa und die Weit wurden nicht nur die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und auch geistigen Verhältnisse verändert im Sinne einer Emanzipation des Menschen, auch die Verfaßtheit der Kirche wurde eine andere. Dieser tiefe Einschnitt bewirkte für das 19. Jh. und bis heute eine Rückbesinnung der Kirche auf die ihr eigenen Aufgaben, zumal sie seit der Aufhebung der kirchlichen Besitzungen nicht mehr so sehr in die weltliche Machtpolitik verstrickt war. Sie war zwangsweise frei geworden von alten Traditionen, der engen Verflechtung mit dem Staat und dem Grundbesitz.

 

Folgen der Säkularisation

Die Säkularisation und die Aufhebung der Orden und Stifte betraf auch Güls bzw. das Stift Maastricht. Güls wurde eine freie Pfarrei ohne Abhängigkeit von übergeordneten Stiften bzw. Orden und nur der Oboedienz des Bischofs von Trier unterstellt, der auch für die Einstellung des Pfarrers in Verbindung mit dem preußischen Staat (nach der Gründung der Rheinprovinz 1815 und dem Konkordat zwischen Preußen und dem Vatikan 1821) verantwortlich war. Zehnten, Pfründe u.ä. gab es nun nicht mehr und auch keine daraus fließende Besoldung der Pfarrer. Sie war in Zukunft Sache der steuerzahlenden Gläubigen, also der Kirchensteuer.

Die moderne Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts ist in der Kirche durch einige Ereignisse geprägt, die das Verhältnis des katholischen Bevölkerungsteils zum preußischen und später deutschen Staat belastet haben. Betroffen davon war natürlich auch unsere Pfarrei. Es handelt sich dabei um den Mischehenstreit, den sog. Kulturkampf und die Zeit des Nationalsozialismus.


Erster Pfarrer der freien Pfarrei Güls, der seinen Dienst noch unter den Stiftsherren von Maastricht angetreten hatte, war Ignatz Kesten (1787-1828). Er leitete die Pfarrgemeinde in der schweren Zeit der Napoleonischen Herrschaft und des Übergangs unseres Gebietes an Preußen. Er muß eine eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein und beim Zusammentreffen mit Napoleon 1803 diesen zu dem Ausspruch veranlaßt haben: „Sie sind für Ihr Dorf der geborene Friedensrichter“. Wenig betroffen war unsere Pfarrgemeinde von der Mischehenfrage, die zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen der kath. Kirche und dem preußischen Staat führte, auf die allerdings in unserer Ausführung nicht weiter eingegangen werden kann.

 

Anfang des 19.Jahrhunderts

Die erste Hälfte des 19. Jh., in der das Verhältnis von Kirche und deutschen Bundesstaaten durch die einzelnen Konkordate und Zirkumskriptionsbullen (Vatikan und Preußen: 1821) geregelt wurde, war innerkirchlich gekennzeichnet durch die Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der religiösen Aufklärung in Deutschland (Febronianer) und den Anhängern des nach 1815 (Wiener Kongreß) stark aufkommenden Papalismus und Ultramontanismus. Von diesen grundsätzlichen Auseinandersetzungen waren allerdings die einzelnen Pfarreien weniger betroffen. So war auch in Güls davon nicht viel zu spüren. In diese Zeit fällt der Bau der neuen Kirche. Da die alte Kirche die Zahl der Gläubigen nicht mehr faßte, entschloß man sich zum Bau einer neuen Kirche; den Planungsauftrag erhielt der königl. Bauinspektor Lassauix aus Koblenz. Er ließ die Kirche in neuromanischem Stil errichten, der aber in Teilen auch schon auf die Anfänge des neugotischen Baustils (Stolzenfels) hinweist, entsprechend der damaligen Rückbesinnung auf das Mittelalter als einer Hochzeit deut;cher Geschichte (vgl. auch das Kölner Dombaufest es Jahres 1842). Nunmehr besaß die Pfarrei ein großes, würdiges Gotteshaus.

 

 

Text entnommen aus: Eine Kirche erzählt

Herausgeber: Kath. Pfarrgem. Koblenz-Güls 1992

 

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